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Meine erste Begegnung mit Albert C.

Meine erste Begegnung mit Albert C. liegt etwa zehn Jahre zurück und findet sich in einem 'heiteren Familienroman' von Evelyn Sanders, meine Lieblingslektüre zu dieser Zeit, und wenn mir die ockergewellten Kladden beim Aufräumen begegnen, so bereiten sie mir auch heute noch Spaß. Es handelte sich in diesem Fall um "Jeans und große Klappe", welches die Teenagerzeit des Großteils der fünf Kinder des Hauses Sanders schildert. Unter Anderem wird in diesem Buch ein groß angelegter Frühjahrshausputz samt Renovierung beschrieben, bei welchem Familie und Freunde so ziemlich alles aus dem Haus heraus in den Garten schleppen, um dann selbiges Haus zu reinigen und die wunderbaren halbwegs bekannten Dinge hinterher in neuer Ordnung hineinzutragen. In einer Szene befindet sich die Erzählerin (die Mutter) im Untergeschoss, als von oben plötzlich die Stimme einer Tochter (so glaube ich) schallt: "Ist Albert Camus ein sehr bedeutender Schriftsteller?"
"Wieso?", fragt die Mutter, wenn ich mich nicht irre.
"Er ist mir gerade in's Klo gefallen."
"Wie heißt denn das Buch?"
"Die Pest."

Ein so karg deprimierend anmutender Titel war für mich zum damaligen Zeitpunkt ein klares Zeichen dafür, dass a)Albert Camus ein sehr bedeutender Schriftsteller sein muss und b)es durchaus keine Schande ist, seine Werke im Unaussprechlichen zu versenken.

Zehn Jahre später haben sich meine Ansichten geändert. "Der Fremde" hob ich vor einigen Wochen in der Bücherei auf, aus unterschiedlichen Gründen. Bereits vor Jahren hatten Leser meines Livejournals mit Belustigung auf dieses Buch angespielt, als ich meine wiederholten, völlig alltäglichen aber dennoch höchst beunruhigenden Begegnungen mit einer winzigen Frau, welche im Bus neben mir zu fahren pflegte (es ist wirklich eine lange Geschichte), zum Besten gab. "She reminds me of the random woman in The Stranger", sagte Agniya D.. Alicia E., mein liebster toter Bruder ('the Seymour to my Buddy'), erwähnte das Werk sogar mit einer solchen Häufigkeit, dass ich annahm, sie wollte entweder ihr eigenes Ego polstern durch das Wissen, dass sie es gelesen hatte, ich aber nicht, oder mich endlich dazu anregen (schließlich handelt es sich auch um die Grundlage des von uns beiden sehr geschätzten Cure-Songs "Killing an Arab"). Ich nahm das Buch nun kürzlich mit nach Hause, teils, weil Alicia zum ersten Mal seit langem wieder darauf angespielt hatte (es ging um das Unterstreichen von Passagen und die wenigen Bücher, in denen wir dies jemals für wahrhaft notwendig gehalten hatten), teils, weil ich (wartet nur) einen Which Existentialist Philosopher Are You?-Psychotest absolviert hatte, der mir versicherte, dass ich mit siebzigprozentiger Wahrscheinlichkeit Albert Camus war (in erster Linie deshalb, so vermutete ich, weil ich angegeben hatte, dass ich es für sehr wahrscheinlich hielt, bei einem Straßenverkehrsunfall das Zeitliche zu segnen), teils, weil ich in der Absicht gekommen war, Sartre auszuleihen (der zu sein ich zum Zeitpunkt des Tests viel cooler gefunden hätte), und der auf Französisch nicht verfügbar und auf Deutsch irgendwie zu dick war. Ich war mittelschwer beeindruckt. Sympathisch war mir (als altem Jim Jarmusch-Liebhaber) die Häufigkeit von Sätzen, deren Grundaussage sich auf "Ich trank einen Milchkaffee und hatte große Lust, ein paar Zigaretten zu rauchen" beschränlte, aber eine große literarische Liebe lässt sich darauf wahrhaftig nicht aufbauen, zumal mir die Tom Waits-Untermalung fehlte. Die letzten fünf Seiten des Romans jedoch begeisterten mich in ihrer unmittelbaren Abstraktion, in der Art, in welcher sie Beobachtungen über den Menschen (und ähnliche Unannehmlichkeiten) im Allgemeinen machten, die weder ganz konkret auf den sprechenden Charakter zugeschnitten waren und nur Sinn machen konnten für jene, die sich voll und ganz mit diesem identifizieren, noch scheinbar aus dem Rahmen des Romans herausgenommene Doktrinen eines Philosophen, der seine Fiktionen nur zur Verbreitung seiner eigenen durchaus nonfiktionalen Theorien benutzt. Kurz: sie gefielen mir außerordentlich gut. Aber was sind schon fünf Seiten?
Nun, ich habe jetzt "Die Pest" gelesen, und "Die Pest" bringt ebendies - diese exakt in eine (an sich - Nazi-Allegorie hin oder her - nicht berauschende) Handlung eingewobenen philosophischen Exkurse, die innerhalb des Buches zu keinem Zeitpunkt deplaziert erscheinen, und doch auf so großer Ebene auch außerhalb der Geschichte angewandt werden können - zur Perfektion. Charaktere, die vor typisch Menschlichem sprudeln, aber nie zu 'Typen' werden, die die Eigenschaften Tausender vereinen, ohne nichts zu sein als die gesichtslose Verschmelzung dieser Tausender zu einer Figur. Sie sind klar gezeichnet, aber nicht fassbar; präzise, faszinierend, aber nie nah genug, oder nie in dem Licht, welches es dem Leser ermöglicht, sie 'in's Herz zu schließen', nur in seine Gedanken muss er sie aufnehmen; Identifikation findet nicht statt, aber auch kein Urteilsspruch. (Atempause. Zurück zu den unterstreichenswerten Passagen.) Seitenweise Gedankenläufe, die so gescheit erscheinen, ohne belehrend zu wirken, und so wahr, ohne dass sie mich in irgend einer Weise ganz persönlich ansprechen. Ich weiß, dass nicht jeder, der "Die Pest" liest, diesem Buch gegenüber so empfinden muss, wie ich, aber ich bin auch sicher, dass es nicht nötig ist, im Allgemeinen so zu empfinden, wie ich, um es in Bezug auf "Die Pest" zu tun.

Ich habe nie verstanden, wie Menschen wie Alexandra K. (ehemals N.) eine 'Beziehung' zu einem verstorbenen Schriftsteller aufbauen konnten, wie sie es tat/en - Ernest Hemingway in diesem Falle (dessen Geschichten, und seine Geschichten sind das Einzige, was ich von ihm kenne, mir nach wie vor missfallen) - aber es wird mir langsam deutlicher.

(Ach, ich möchte wirklich nicht erwachsen werden. Dass ich eines Tages ein Buch lesen könnte und mich davon nicht wahlweise beleidigt oder erleuchtet fühlen, ist ein zu, zu grausamer Gedanke.)
8.5.08 18:25


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